Inhalt

Amerikanerin

Sie war schon 80 Jahre alt als sie in unser Dorf gekommen war. Sie reiste übers Meer auf einem Dampfer. Sie würdigte sehr, dass sie auf dem Schiff die älteste Bürgerin war und dass sie der Kapitän selbst mit einem Tanz beehrt hatte. Es war das Jahr 1939. Europa lebte gespannt, erwartend was die nächsten Monate, Jahre bringen werden. Man sprach darüber, dass ein Krieg kommt. Dieser liess auf sich nicht lange warten. Im September in jenem Jahr brachen die Kriegskämpfe auf polnischem Gebiet aus und dann fing der Kriegsbrand an über das ganze Europa hin zu brennen.

Die alte Frau wohnte bei ihren Bekannten. Die Einwohner nahmen sie zur Kenntnis, aber ein Ereignis folgte nach dem anderen. Die Frau hatte so einen merkwürdigen amerikanischen Namen, wer sollte sich ihn merken. Sie war einfach die Amerikanerin.
Hoch, schlank, für jemanden auch vielleicht mager. Sie hatte ein langes schwarzes Kleid an, das fast den Boden berührte. Aus dem asketischen Gesicht guckten schwarze Augen. Ihre schwarzen, ein bisschen angegrauten Haare, waren immer in Haarknoten zusammengeflochten und unter einem flachen sonderbaren Hütchen versteckt. Bei uns im Dorf trug niemand solch ein Hütchen. Na ja, Amerikanerin war ganz anders und löste Respekt aus. besonders bei uns - Jungen.

Beim schönen Wetter und Sonnenschein machte die alte Frau einen Spaziergang in den Schlosspark. Sie ging langsam, gerade wie eine Kerze, stützte sich leicht auf einen oben gebogenen und unten mit einer Spitze ausgerüsteten Stock. Sie eilte nie, schritt langsam und ernst, nur mit einem leichten und traurigen Schmunzeln im Gesicht.

Auf einem Sandweg ist sie um das Schloss herum gegangen und kehrte wieder sehr langsam nach Hause zurück. Aber die Zeit eilte sehr schnell. Jeder Tag hat neue und neue Ereignisse gebracht. In dieser jammervollen Zeit gingen einige Kriegsjahre vorüber.
Endlich kam der Frühling fünfundfünfzig. Am Himmel erschienen immer öfter weiße Streifen, die Verbände der amerikanischen Bombenflugzeuge hinter sich ließen. Die Tiefflieger beherrschten den Himmel und die Spatzen pfiffen auf dem Dache, dass sich der Krieg zum Ende nähert. Wie die Zeit lief, so hat jeder Tag etwas Neues, Interessantes gebracht. An die alte Frau hat zu jener Zeit niemand gedacht. Es gab schon einige Sonnentage, die Amerikanerin ging jedoch auf den beliebten Spaziergang nicht hinaus. Man sagte, dass sie kränkelte.

Die Ereignisse nahmen jedoch ein ungeahntes Tempo an. Den 1. Mai am Morgen erschien auf dem Háj-waldrand stehenden Triangulationsturm die tschechoslowakische Staatsflagge. Ein Paar Tage sind vorbeigegangen, es war am 5. Mai und folgende Nachricht verbreitete sich von Mund zu Mund „In Prag brach die Revolution aus, der Krieg ist vorbei!“ Für uns Jungen war es das Ereignis Nr. eins. Und was erst  den folgenden Tag, als amerikanische Panzer, Autos, Jeeps mit Soldaten – Amerikanern, die sich in unser Dorf hinein drängten. Wir begrüßten sie begeistert. Wir verstanden nicht einmal ein Wort einander, das war jedoch nicht so wichtig.
Der Stab der amerikanischer Militäreinheit hat sich im Schloss einquartiert, die Soldaten bauten ihre Zelte im Schlosspark auf. Im Dorf war´s wie in einem Bienenstock. Wir mischten uns unter den Autos und Soldaten, die Zelte bauten. Was bleibt zu sagen? Es war eine fröhliche Verwirrung. Kann es aber Verwirrung in der Armee geben? Das wäre undenkbar. Die Soldaten schlossen den Park ab, stellten Wachposten auf die Zugangswege und der Zivilbevölkerung war der Eintritt verboten.

Ein Wächter hatte seinen Posten beim Eintritt zum Schlosspark, unweit vom Schlossgebäude.

In ein paar Tagen begann sich das Dorf zu beruhigen und das Leben kam in alte Geleise zurück.

Wir Jungen beruhigten uns nicht so schnell. Wir waren immer in der Nähe der amerikanischen Soldaten und haben Kontakte aufgenommen. Besonders lieb war uns der Posten am Schlossparkrand. Nicht weit entfernt gab es ein Plätzchen, auf dem wir Fußball spielten. Wir schauten zu den Soldat auf dem Posten und erwarteten etwas von ihm zu bekommen. Plötzlich rief er uns an, gab uns Kaugummi oder Schokolade, manchmal auch eine Zigarette.

An die alte Frau haben wir wirklich nicht gedacht.

Erst einmal. Es passierte an einem schläfriger Mainachmittag. Der Soldat auf dem Wachposten wankte am Stuhl, das Gewehr am Tischen gelehnt, der Helm rutschte tief über die Augen unter. Heute hat es nicht ausgeschaut, als ob wir etwas bekommen würden und so widmeten wir uns dem Fußball.

Plötzlich wurden wir aufmerksam. Ganz am Anfang des Sandweges erschien eine kleine schwarze Figur und spazierte sehr langsam in den Schlosspark. Mit dem Stöckchen stöberte sie die Steinchen im Sand. Wir ließen das Spiel stehen und betrachteten was geschehen wird.

Der Soldat beim Tischen schaukelte weiter auf seinem Stuhl, er mochte die Neuangekommene noch nicht bemerkt haben. Die alte Frau näherte sich zu seiner Stellung. Auch wir kamen näher. Nun bewegte sich der Soldat, schob seinen Helm hinauf, regte sich jedoch noch nicht auf. Er stand langsam auf. Die alte Frau näherte sich. Den Zivilpersonen ist der Eintritt in den Schlosspark verboten. Der Soldat beim Tischchen stand schon, in einer Hand hielt er das Gewehr und mit der zweiten Hand deutete er der Neuangekommenen an, dass sie nicht weiter gehen darf, dass sie zurückkehren muss.

Uns Jungen interessierte, was weiter geschehen wird. Die alte Frau war nur noch einige Schritte vom Soldaten entfernt. Der packte das Gewehr mit beiden Händen, lag es waagrecht auf die Brust und mit den Bewegungen nach vorne und rückwärts deutete er seine Absicht an – zurück, weiter darf man nicht! Nicht so die alte Frau, sie trat bis auf ihn zu. Der war sichtlich verwirrt und begann der Frau zu erklären, dass sie nicht in den Park weiter gehen kann, dass es verboten ist und er selbst hier zur Wache steht. So denke ich, dass er es gesagt hat und dabei sicherlich überzeugt war, dass ihn die alte Frau sowieso nicht versteht. Die hatte, so wie es uns vorkam, den Soldaten belustigt angeschaut, und wenn er mit seinem Monolog zu Ende war, schaute sie ihm gerade ins Gesicht und so hat es angefangen. Auf rein „amerikanisch“ begann sie ihm zu erklären, dass sie hier schon viele Jahre herum spaziert, dass es ihr regelmäßiger Spaziergang sei und dass er ihr nichts zu verbieten hatte. Wahrscheinlich so hat sie es gesagt. Wir haben alles gehört, jedoch kein Wort verstanden. Der Soldat hingegen verstand alles. Er glotzte die alte Frau an. Er schien ein bisschen kleiner zu sein. Er hielt weiter das Gewehr waagerecht auf der Brust und glaubte seinen eigenen Ohren nicht – diese Greisin spricht ja in seiner Muttersprache. Die alte Frau hob das Stöckchen auf und berührte den Soldaten sanft an der Brust. Der, noch im Dusel, trat einen Schritt zurück und die alte Frau hat ihren Spaziergang in Richtung Park fortgesetzt. Der Soldat sah ihr noch eine Weile nach, dann drehte er sich schnell um, lehnte das Gewehr ans Tischchen, ergriff das Feldtelefon und drehte schnell den Griff. Er erstattete eine Meldung und seine Stimme überschlug sich. Vor Neugier atmeten wir gar nicht. Uns interessierte was folgen wird. Die alte Frau setzte ihren Spaziergang fort.

Plötzlich öffnete sich ein wenig das schwere Holztor des Schlosses und zwei amerikanische Offiziere hatten durch die Spalte hinausgeschaut. Sie blickten sich um und hatten ihre Schritte direkt zu der alten Frau gerichtet.

Sie salutierten, sagten etwas, dann nahmen sie die alte Frau zwischen sich und alle drei machten sich auf den Weg zum Schloss. „Na gut, jetzt wurde sie verhaftet“, bemerkte jemand von uns. Wir warteten nicht mehr und liefen diese große Nachricht ins ganze Dorf bekanntzumachen.

Wir machten einen Fehler. Wie ich später erfuhr ist alles ganz anders abgelaufen. Die alte Frau wurde vom Kommandanten der amerikanischen Militäreinheit empfangen, auch die anderen Offiziere kamen zu diesem zufälligen interessanten Gespräch. Dann haben sie alle die alte Frau bis zu ihrem Haus begleitet.

Und was war weiter? Seitdem konnte die alte Frau in den Schlosspark wie früher spazieren. Der Soldat auf dem Wachposten lächelte und er hat der alten Frau immer salutiert. Für alle amerikanischen Soldaten war es eine Ehre mit der alten Frau zu sprechen oder sie nur zu begrüßen.

Und was mit dem Ersten, den sie an jenem schläfrigen Mainachmittag getroffen hat? Es musste für ihn die größte Überraschung gewesen sein, die er im westböhmischen Dorf Dolní Lukavice am Ende seines langen Kriegswegs durch Europa erlebt hatte.


Kasl Jaroslav
Ostrov

Für die Leser :
„Die Amerikanerin“ ist am 30. Mai 1858 in Dolní Lukavice Nr.51, unter den Mädchennamen Marie Hrubá geboren. Nach Amerika ist sie mit ihren Eltern und drei Schwestern im Jahre 1883 abgereist. Hier hat sie geheiratet und nahm den Namen Jursíková an. Aus den USA kehrte sie periodisch, je für ein paar Monate nach Dolní Lukavice zurück. Um 1925 ließ sie sich hier von ihrem Neffe Josef Hrubý ein Haus aufbauen, das bisher steht und hat die Nummer 161. Als Frau Jursíková das Haus nicht bewohnte, im Winterzeitraum, diente es als Suppenauskochstelle für örtliche wie auch auswärtige Schüler bis zum Jahre 1938, als die alte Frau zum letzten Mal aus den USA nach Dolní Lukavice zurückkehrte. Nach dem Krieg, wohl 1949, als die Frau Jursíková schon über 90 Jahre alt war, haben ihr Gedächtnis und Orientierung zu versagen begonnen. Die Familie entschieden sich sie in die Fürsorge dem Heim für  überalterte in Šluknov anzuvertrauen, wo sie kurz danach gestorben ist.



Ing.Jaroslav Kasl
Na Kopci 1236
363 01 Ostrov