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Amerikaner

Er hieß John Shobey und beteiligte sich am 6. Juni 1944 an der Invasion der Truppen der Westmächte an der Normandie Küste. Als Angehörige der amerikanischen Sondereinheit Ranger, kämpfte er bei der Aussetzung von Truppen im Sektor Omaha. Das Ende des 2. Weltkriegs erreichte ihn in Pilsen, dann kam seine Truppe nach Dobřany und schließlich hat er sich am 16. Mai 1945 mit seiner Ranger Einheit in Dolní Lukavice festgesetzt. Er war 26 Jahre alt, sah jedoch jünger aus. Die Uniform brachte seine schlanke Figur zum Ausdruck. Unter hellen Augenbrauen guckten zwei lustige Augen hervor, aus welchen eine besondere Schelmerei strahlte. Er war ein sympathischer Mann mit ständig zerzaustem Haar. Den örtlichen Mädchen gefiel er, sie wussten jedoch nicht wie ihn zu gewinnen.

Zdenička zeigte kein Interesse an ihm. Er schien zu alt zu sein und es gab hier so viel jüngere.

An einer Party, welche die amerikanischen Soldaten vor dem örtlichen Schloss veranstalteten, hat  John Zdenička zum Tanz aufgefordert. Mutti meinte, dass es ihnen gut steht und lud John zu Besuch ein. Wie sie sich miteinander verständigt haben, weiß Gott. Zdenička war fast 16 Jahre alt, und so war die Liebe etwas neues, was sie bis jetzt nicht erkannt hatte. John hatte sich an die Besuche bei Zdeničkas Eltern gewohnt. Ende Juni beobachtete er mit Interesse die Vorbereitung des Dorfes auf die erste Kirchweih im Frieden.  In allen Häusern wurde aufgeräumt, Kuchen gebacken, die Häuser selbst wurden festlich geschmückt. John half Zdenička und er war hauptsächlich auf diese „pauť“[1]  neugierig.

Zdenička arbeitete derzeit in Pilsen. Die Vorbereitungen zur Kirchweih  waren im vollen Zuge. Im Hof haben Mutti mit Großmutter Vorhänge in einem alten Waschtrog gewaschen. Mutti bemerkte einen Draht auf dem Boden, der sich vom Haustürchen hinaus zog. „Wie kam es zu dieser Unordnung?“, dachte sie. Sie ergriff den Draht und sank mit schrei zum Boden. Großmutter eilte ihr zu Hilfe, auch sie bekam einen Stromschlag  und fiel ins Grass des Hofes. Außer den beiden Frauen war niemand im Haus. Vielleicht hatten die Nachbarn Schreie gehört und sind eilig helfen gekommen. Sie hatten John gesucht und der ist schnell mit einem Militärsanitätswagen und einem amerikanischen Arzt gekommen. Immer noch gab es Hoffnung. Doktor neigte sich über die liegenden Frauen. Er richtete sich langsam auf und aus seinem Gesicht war zu erkennen, dass es keine Hoffnung mehr gibt.
Zdenička ist zu allen allein geblieben. Erst vor kurzem ist sie aus der Kindheit herausgewachsen und die sorglose Jugend wurde vom grausamen Schicksal  abgebrochen. Das Mädchen musste nun Haushalt, Vater und Bruder besorgen. Sie musste kochen, waschen, die kleine Wirtschaft besorgen. John tröstete sie, und hat ihr geholfen. Er kannte vieles von Kriegshandwerk, die friedliche Ziege konnte er jedoch nicht melken. Wer es nicht erfuhr, der glaubt es schwer. Und das Leben ging weiter. Die Zeit heilte langsam die Wunden.

Das Schicksal bereitete jedoch neue Schläge. Der Aufenthalt der Ranger Einheit in Dolní Lukavice endete und am 6. August wurde diese nach Holýšov versetzt. Zdeničkas allernähester   Freund ging weg. John ist einige Male  zu Zdenička von Holýšov am Rad gefahren gekommen. Aber das Schicksal lief im Maschinenrhythmus voran. Die Soldaten kehrten in die USA zurück. Nur ausgetauschte Adressen und Erinnerungen sind geblieben. Die Zeit verging. Zdenička gewöhnte sich daran, dass sie John vergessen hat. Aber er vergaß nicht. Er schrieb einen langen Brief welchen er an Zdeničkas Tante adressierte. Er hatte Grund nicht direkt an Zdenička zu schreiben.

Nach der Übersetzung des Briefes erfuhren sie, dass John nach Cleveland im Staat Ohio zur Ehefrau und zwei Kindern zurückkehrte. Und dass er im Geschäft arbeitet, welches seine Frau führt. Er entschuldigte sich, dass er ihnen diese Tatsache nicht schon früher mitteilte und bot Freundschaft an. Zdenička trug auch diese Nachricht mutig und die angebotene Freundschaft lehnte sie nicht ab. Sie schrieb zurück und weitere Briefe folgten. John schrieb, dass das Geschäft nicht profitiert und dass er in Clevelands Stahlwerken zu arbeiten angefangen  hat. Und dann hat ihm einmal Zdenička zurückgeschrieben, dass sie geheiratet hat.

1950, während des Kriegs in Korea, wurde John Shobey wieder zur Armee einberufen und zur 2. Sondergruppe Ranger zugeteilt, und fünfzehn Monate war er vorbereitet in den Krieg zu gehen. Der Briefwechsel setzte fort, das Leben in beiden Familien verging wie gewöhnlich. John arbeitete weiter im Stahlwerk. 1962 reichte nur ein kleiner Augenblick Unaufmerksamkeit und eine große Presse hat John vier Finger der linken Hand genommen. 1964 verkauften Shobeys ihr altes Haus und kaufen ein neues. Die Abzahlungen waren hoch, deswegen nahm John eine zweite Arbeit an. An den Kampfaktionen in Vietnam 1965 hat John nicht mehr teilgenommen.

Es kam das Jahr 1966 und John ist mit seiner Frau Thelma zu Zdenička und ihrer Familie zu Besuch gekommen. Sie blieben kurz und luden Zdenička und ihrem Mann zu Besuch in die USA. Die Situation in der Tschechoslowakei hat sich gebessert, zur Reise nach Amerika fand Zdenička jedoch noch keinen Mut.

Und das Schicksal wollte jedoch nicht barmherzig sein. 1977 ist Johns Ehefrau Thelma gestorben. Er ist allein mit seinem Sohn und seiner Tochter geblieben. Er kam fast jedes folgende Jahr nach Dolní Lukavice. Er kämpfte gegen Trauer. Beim Besuch im Jahre 1980 begleitete ihn die Tochter Sandra. 1981, nach 27 Jahren schwerer Arbeit im Stahlwerk, im nichtvollendeten Alter von 62 Jahren, begab er sich in den Ruhestand.

Auch nach so vielen Jahren hat sich das Schicksal wieder unbarmherzig gemeldet. 1986 kommt John wieder nach Dolní Lukavice. Er ahnt nicht, dass er Zdeničkas Ehemann auf den letzten Weg begleiten wird. John bietet wieder seine Hilfe an. Zdenička kann nicht annehmen.

Die Zeit heilt auch schwere Schicksalswunden. Ein Jahr später macht sich Zdenička erstmals auf den Weg in die USA. Dann folgen weitere Besuche. John ist ein guter Gastgeber sowie Begleiter. Er zeigte Zdenička den ganzen Norden der USA. Er hat ihr ein gemeinsames Leben in USA angeboten. Aber Zdenička kehrte immer gern nach Tschechien zu ihren Kindern und Enkelkindern zurück. Sie war vielmal in den Staaten. Auch John war einige Mal in der Tschechoslowakei. 1991 übernimmt er vom Bürgermeister Pilsens ein historisches Siegel der Stadt.

Tag der großen Entscheidung näherte sich. John überlässt sein Haus der Tochter Sandra. 2001 fand in den USA eine Zivilhochzeit statt. In gemeinsame Ehe sind eigetreten: der Amerikaner John Shobey und Zdenka Kohoutová. John erhielt eine 10-jährige Aufenthaltsbewilligung in der Tschechischen Republik. Wie er selbst sagte: „Das ist genügend, das reicht mir.“ Gebrechen des Alters bedrängten ihn. Er atmete schwer und so manches tat ihm weh. In den schlaflosen Nächten hat er sich oft vorgestellt, dass ihn sein Schicksal anschaut. Er hat eingestanden, dass, wenn es Zdenička  nicht gäbe, würde es auch ihn nicht mehr geben.
Das Lebenskredo des John Shobeys war: „Better day will come!“ – „Ein besserer Tag wird kommen!“

Der ehemalige amerikanische Soldat John Shobey ist nicht mehr unter uns. Er ist am 3. März 2003 im Alter von 84 Jahren gestorben und wurde auf dem neuen Friedhof in Dolní Lukavice beerdigt.



[1] Tschechisch „pouť“ – Kirchweih



Ing. Jaroslav Kasl
Na Kopci 1236
363 01 Ostrov

paní Kohoutová (Zdenička) u hrobu John Shobeye

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Kohoutová (Zdenička) beim Grab Johna Shobeys beim 60. Befreiungstag.
 

Rangers v roce 1945 John Shobey (vpravo)


Rangers im Jahre 1945 John Shobey (rechts).

 

Američtí rangers v D. Lukavici v roce 1945


Amerikanische rangers in D. Lukavice im Jahre 1945.